„Filter Bubble“ – mehr als nur eine Buchbesprechung –

Wie wir im Internet entmündigt werden

Eli Pariser, 288 Seiten, gebunden € 19,90, erschienen bei Hanser

Google, Facebook & Co. treiben die Personalisierung im Internet massiv voran.

Dies bedeutet, dass wir in Zukunft nur noch die Treffer einer Suche im Internet angezeigt bekommen, die zu unserem Profil passen. Leider bestimmen wir die Ergebnisse nicht selbst, sondern Algorithmen, die im Verborgenen unser Verhalten im Internet aufzeichnen.

Titelbild Filter Bubble

Filter Bubble von Eli Pariser

Welche Auswirkungen hat das für uns?

Auf den ersten Blick erscheint es vorteilhaft, wenn uns bei einer Suchanfrage nur noch die für uns scheinbar relevanten Ergebnisse angezeigt werden.

Der Nachteil ist jedoch, dass Google & Co. bestimmen, was für uns wichtig ist. Alternativen, die mich sehr wohl interessieren könnten, werden erst gar nicht mehr angezeigt. Eine Recherche ist bald keine Recherche mehr, sondern nur noch das Ergebnis einer Personalisierung.

Testen Sie es selbst im Büro oder im Freundeskreis. 4 oder 5 Leute geben in ihre Computer oder Laptops denselben Begriff bei Google ein. Sie werden mit Erstaunen feststellen, dass die Such-Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen. Denn für den einen ist Golf vielleicht eine Sportart und für den anderen ein Auto. Das hat Google durch Ihr ganz persönliches Suchverhalten längst gespeichert. Wenn Sie Auto-Fan sind, dann bekommen Sie keine Infos zu Golfclubs. Das wirkt auf den ersten Blick plausibel, ist aber in letzter Konsequenz ein massiver Eingriff in ihre Selbstbestimmung. Vielleicht interessiert Sie ja beides, das Auto und der Golfclub.

Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch ….

Glauben Sie nur nicht, dass Amazon Ihnen nur die Bücher empfiehlt, die thematisch zu Ihren Interessen am besten passen. Längst lässt sich Amazon dafür bezahlen, um uns zu sagen, was uns interessieren könnte. Natürlich passt das schon irgendwie zum Profil, es ist aber nicht unbedingt das, was uns wirklich interessiert.

„Wenn du für etwas nichts bezahlst, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt, das verkauft wird“, schreibt Andres Lewis, alias Blue_beetle auf der Website MetaFilter (http://www.metafilter.com/95152/Userdriven-discontent).

Und genau so ist es. Unsere Daten werden gesammelt, verarbeitet, gespeichert usw. usw. Und was passiert damit? Man verkauft sie an den, der am meisten dafür bietet. Denn diese Daten sind „Gold“ bzw. Geld wert. Und wir werden so zu gläsernen Kunden.

Damit nicht genug. Manche User werden auch in „Sippenhaft“ genommen.

Es kann sein, dass die Bank Ihnen keinen Kredit gewährt, weil viele Ihrer Facebook-Freunde mit den Ratenzahlungen im Rückstand sind.

Oft genügt aber schon, dass Sie etwas mögen, was viele Zahlungsunwillige auch mögen, um Sie als kreditunwürdig einzustufen.

Cloud klingt für deutsche Ohren …

… ein bisschen wie geklaut … Aber wer da wem und was klaut, das wissen die Götter.

Mit der Cloud kommt die totale Vernetzung. Hier beginnen Daten mit einander zu interagieren. Darüber freuen sich nicht nur Unternehmen, die mit Kundendaten handeln, sondern auch Regierungen und Geheimdienste. Letztere können so viel leichter auf unsere Daten zugreifen. Oft genügt es schon, einzelne Dokumente mit Hilfe von Suchprogrammen zu durchforsten, um scheinbar relevante Informationen auszulesen. Ähnliches machen nicht nur Google bei Gmail, sondern auch Yahoo und Hotmail bei ihren Kunden. 

Die Zukunft kommt nicht – sie ist schon da

Die Personalisierung ist unumkehrbar, denn sie wird durch starke wirtschaftliche Interessen voran getrieben. Dafür werden gigantische Rechnerkapazitäten benötigt. Eine dieser sammelwütigen Firmen heißt Acxiom und hat ihren Sitz in den USA.

Acxiom hat Daten von über einer halben Milliarde Menschen weltweit gesammelt. Man kennt dort nicht nur Ihre Familienangehörigen, man weiß auch, ob sie eine Katze oder einen Hund haben, natürlich auch welche Rasse das Tier hat.

Ob Sie rauchen, ihre Kreditkartenabrechnungen pünktlich bezahlen, ob und wohin Sie gerne in den Urlaub fahren, in welcher Apotheke Sie ihre Medikamente kaufen, Ihre Lieblingsfilme & Musik etc.  Rund 1.5oo Punkte umfasst ein Profil.

Gesichtserkennung

Mit der Möglichkeit der Gesichtserkennung verlieren wir nach und nach auch unsere Persönlichkeitsrechte und Anonymität. Ein Foto von Ihnen im Netz genügt, um Sie z. B. mit Ihrem Facebook-Profil und diesem Foto zu verbinden. Selbst wenn Sie kein Facebook-Profil haben, sind Sie nicht vor dieser Art Öffentlichkeit geschützt. Es genügt, wenn eine andere Person Sie auf irgendeinem Foto im Internet mit Ihrem Namen kennzeichnet.

Originaltext von http://www.myheritage.de/gesichtserkennungstechnologie

„Anmerkung: Die bei der Gesichtserkennung von MyHeritage.de eingesetzten Algorithmen finden wahrscheinlich – aufgrund der genetisch bedingten Ähnlichkeit der Gesichter zwischen Verwandten – Verwandte der Personen auf Ihrem Foto. Das können Sie dazu nutzen, Verbindungen zwischen Personen herzustellen, von denen Sie nie dachten, dass sie verwandt wären.“

Auch das könnte ungeahnte Folgen haben. Und noch eine Website dazu www.face.com.

So funktioniert Gesichtserkennung - Screenshot von face.com

So funktioniert Gesichtserkennung – Screenshot von face.com

Das Foto zeigt den Scannvorgang der Fotos. Links bereits erkannt, rechts wird gerade gescannt.

Mit http://qik.com/info/overview lassen sich Videos live vom Handy ins Internet übertragen. Das bedeutet, man kann Sie an jedem öffentlichen und privaten Ort – auch unbemerkt – filmen und dies direkt im Internet sehen.

Plötzlich bekommt dieser Werbeslogan eine ganz andere Bedeutung: „Früher oder später kriegen wir Sie“.

Kreditkarten- und andere Daten online

 Wie wäre es mit www.blippy.com? Wenn Sie sich hier registrieren, dann können alle im Internet Ihre Kreditkartenzahlungen verfolgen. Und damit nicht genug. Mit http://www.voyurl.com/ kann man auch noch sehen, wo Sie sich gerade aufhalten. Für alle Kontroll-Freaks – privat wie beruflich – ein Eldorado an Möglichkeiten.

Eine Autoversicherung in den USA lässt gerade ein Gerät in Autos einbauen, das alle Daten an die Versicherung übermittelt „Tracks Driver Responsibility“. Gelockt wird mit günstigen Tarifen …. die wahre Währung sind „Ihre Daten“.

Kaufen Sie Bücher wie „Wege aus der Schuldenfalle“ nur nicht online. Sie könnten zukünftig Schwierigkeiten haben, eine Kreditkarte zu bekommen.

Eli Pariser

Eli Pariser

Wenn Sie online Informationen zu bestimmten Krankheiten suchen, dann könnte es sein, dass Sie zukünftig einen Risikozuschlag bei Versicherungen bezahlen müssen.

Eli Pariser bechreibt in seinem Buch „Filter Bubble“, was es schon gibt und was die nahe Zukunft noch bringen kann.

 

 

Mein Tipp zum Schluss

Das Buch gibt es auch in jeder realen Buchhandlung zu kaufen. Bezahlen Sie am besten bar, dann hinterlassen Sie keine Datenspur, vorausgesetzt, dass es dort keine Videoaufzeichnung gibt, die live ins Internet übertragen wird.

Ria Hinken

02. Mai 2012

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Bücher, Internet, Wissenswertes abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu „Filter Bubble“ – mehr als nur eine Buchbesprechung –

  1. selfdom schreibt:

    Gefällt mir das? Oder nicht? Ist, glaube ich, ziemlich schnurz. Es ist systemimmanent, deswegen wird es gemacht. Wer glaubt, auf diese Weise die „totale Kontrolle“ zu erhalten? Arme Typen. Denen fehlt einfach die Phantasie, sich mit etwas besserem zu beschäftigen. Außerdem: Die Wärter sitzen immer im gleichen Gefängnis wie die Gefangenen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s