Alarmstufe ROT

Vom Verzehr wird abgeraten

Wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht

Hans-Ulrich Grimm, Droemer Verlag, € 18,00

Eigentlich ist man von Kapitel zu Kapitel geschockter, wenn das überhaupt geht. Glücklicherweise hat Hans-Ulrich Grimm einen sehr unterhaltsamen Schreibstil, so dass man die zuweilen recht harte Kost auch gut verdauen kann.

Ob es um künstliche Vitamine, Jodzusätze oder andere oft sinnlose, aber auch teilweise gefährliche Zusatzstoffe in unseren Lebensmitteln geht, gebraucht werden sie allesamt nicht. Wir nehmen mit unserer Nahrung genug Vitamine und Mineralstoffe auf, auch wenn ein Salatteller oft nicht mehr Vitamine als ein nasses Papiertaschentuch enthält, sagt der Nahrungs-Lästerer Udo Pollmer. 100 g Pommes haben seiner Aussage zufolge mehr Ballaststoffe als 100 g Eisbergsalat, der zu 95% aus Wasser besteht.

Vom Verzehr wird abgeraten

Hart ins Gericht geht Grimm mit Wissenschaftlern und Ernährungsberatern, die uns Verbrauchern gerne Empfehlungen zur gesunden Ernährung geben. Er weist nach, dass viele von ihnen in Verbänden und Kommissionen sitzen, die von den Lebensmittelkonzernen oder deren Zulieferern finanziert werden. Von Unabhängigkeit keine Spur.

„Offenbar spielt die streng naturwissenschaftliche Methode bei ihnen keine große Rolle. Das ist in der heutigen Zeit, wo die zuständigen Fächer, die Ökotrophologie und Ernährungsmedizin, ja an den naturwissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt sind, sehr erstaunlich. Sie empfehlen einfach das Blaue von Himmel herab.“

Man könnte aber auch sagen, sie empfehlen, was ihnen persönliche Vorteile verschafft.

Kaum zu glauben aber wahr: Prof. Peter Stehle, Uni Bonn, setzte sich zusammen mit Prof. Konrad Biesalski für Glutamat ein. Ein Pfund (500g) am Tag hielt er für unbedenklich. Es kommt aber noch Kurioser. Die Freiburger Journalistin Dagmar Freifrau von Cramm, die u. a. auch Präsidiumsmitglied der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) ist, engagierte sich sehr für die Vereinigung mit den „Dosenköchen“. Die Vereinigung will – nach eigenen Angaben – der Lebensmitteldose den Stellenwert in der Bevölkerung geben, den sie aufgrund ihrer hervorragenden Eigenschaften verdient. Aber damit nicht genug. Auch beim Verband der Ökotrophologen sind „Die Dosenköche“ als kooperatives Mitglied neben Danone, Nestlé und Ferrero im Boot.

Da könnte man doch glatt die Empfehlung von 1903 für die Radler der Tour de France wieder aufleben lassen. „Damals galt als offizielle Lehrmeinung, dass Rauchen unmittelbar vor dem Start die Lunge erweitere und so bessere Atmung ermögliche. Den Beweis lieferte der erste Toursieger Maurice Garin, wie Bilddokumente beweisen. Beim Radeln selbst, auf der Strecke, sollten sie nach den damaligen Empfehlungen so wenig Wasser wie möglich trinken, dafür lieber Bier und Rotwein mit Ei.“

Wäre man da nicht auch gerne Radler bei der Tour de France gewesen?

Zurück in die Gegenwart. Sehr beliebt sind probiotische Joghurts. Diese können jedoch bei immungeschädigten Menschen Schäden hervorrufen. Gesunde hingegen müssen eher Angst um ihre gute Figur haben, denn es handelt sich dabei um „heimliche Dickmacher“. Diese werden u. a. in der Tiermast eingesetzt. So legt ein Hähnchen schon mal 300 bis 500 g zu. Da Hähnchen bekanntlich nicht die gleiche Lebensdauer wie Menschen haben, kann man sich leicht vorstellen, welche Gewichtszunahme diese Joghurts bei regelmäßigem Verzehr so mit sich bringen.

Wenn Sie jetzt denken, dann nur noch Bio, sollten Sie schon genauer hinsehen. Nicht immer ist Bio drin wo Bio draufsteht. Zumindest nicht das, was Sie vielleicht unter Bio verstehen. Nehmen wir den Hefeextrakt. Dieser Geschmacksverstärker ist in vielen Biolebensmitteln enthalten. Und Bio ist nicht gleich Öko. Gehen Sie doch mal in einen Biosupermarkt. Dort finden Sie reichlich Lebensmittel in allerlei Plastik verpackt. 80 g Wurst in 100 g Plastik, aber Hauptsache Bio steht drauf.

Da fällt mir wieder der Kabarettist Andreas Rebers und seine Geschichte über den Bio-Wildlachs ein. Wenn es ihn denn gäbe, wäre er bestimmt das Optimum.

Grimm geht in seinem Buch auch auf das Risiko beim Verzehr von Phytosterinen/Phytostanolen – wie sie in Becel pro.acitv enthalten sind, ein.

Das deckt sich mit den Aussagen von Foodwatch.

Foodwatch schreibt im neuen Newsletter:

„Unilever verkauft eine Art Cholesterin-Medikament im Supermarkt, dessen Nutzen umstritten ist und das im Verdacht steht, selbst zu verursachen, was es eigentlich verhindern soll: nämlich Ablagerungen in Gefäßen und ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten. Bei dem Produkt handelt es sich um die allseits bekannte Margarine Becel pro.activ. 15.000 Verbraucher haben sich bereits bei Unilever beschwert und den Konzern aufgefordert, das Produkt aus dem Supermarktregal zu nehmen und es wie ein Medikament prüfen zu lassen. Unilever weigert sich und behauptet stattdessen, es gebe aus wissenschaftlicher Sicht keinen Hinweis auf Nebenwirkungen. Und genau das stimmt nicht! foodwatch hat den Konzern deshalb zunächst aufgefordert, diese Behauptung zu unterlassen. Unilever hält jedoch daran fest – und deshalb ziehen wir vor Gericht, um das Unternehmen zur Richtigstellung zu zwingen“, teilt foodwatch mit.

„Auch die Europäische Union weiß, dass Produkte wie Becel pro,.activ schaden können, und schreibt deshalb Warnhinweise vor. Die einschlägige EU-Verordnung Nr. 608/2004 sagt: „In jedem Fall sollte die Zusammensetzung und die Kennzeichnung von Erzeugnissen den Verbrauchern ermöglichen, ihren Verzehr an Phytosterinen/Phytostanolen auf drei Gramm zu beschränken ….“ Und sie geht noch weiter, indem sie eine klare Kennzeichnung verlangt.

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Eine Antwort zu Alarmstufe ROT

  1. hinki schreibt:

    Da hätte Jan Ullrich seinen Blutbeutel doch gleich vergessen können und wäre besser auf REVAL und Lambrusco mit Ei umgestiegen. Den Sieg der Tour hätte er damit sicher nicht eingefahren, aber bis heute weiter mit-radeln wäre doch auch nicht schlecht, oder?

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